Wir rufen Sie an!
 

Viel mehr als eine Spielerei

Au_en_3_big_thumb Firmenzentrale der DEOS AG in Rheine
Deos_0073_big_thumb Stefan Plüth, Vorstandsvorsitzender DEOS AG

Bei der DEOS AG in Rheine sucht man das Optimum für die Energie- und Haustechnik. Gebäude-Automation ist heute vor allem intelligente Vernetzung.

Das Gespräch mit Stefan Plüth beginnt still. Denn der Vorstandsvorsitzende der DEOS AG zieht erst einmal sein Smartphone aus dem Jackett. Sekunden später ändert sich die Atmosphäre im Raum – und dies liegt am Licht: Das angenehme Rot ist plötzlich einem kalten Blau gewichen. Stefan Plüth stellt die Lichtsteuerung über sein Telefon wieder auf Automatik. Dann kann das Gespräch beginnen.

Die DEOS AG mit Sitz in Rheine entwickelt und produziert Technik zur Gebäudeautomatisierung. Im Gespräch wird es um intelligente Gebäude gehen und darum, was die Technik heute zu leisten imstande ist.

Die Demonstration der Lichtsteuerung –  in diesem Fall eine „Spielerei“ –  hat einen sehr ernsthaften Hintergrund. Die steuerbaren LED-Leuchten finden sich im gesamten Gebäude und sie bilden das Temperaturspektrum des Lichts über den Tag ab – automatisch ist die Beleuchtung morgens rötlicher, mittags eher ins Blaue gehend, abends wird sie wieder rötlich, an jedem Arbeitsplatz. „Wie das Sonnenlicht im Tagesverlauf“, sagt Stefan Plüth. Diese Anpassung des Lichts an die Außenwelt wirke sich positiv auf das Wohlbefinden und die Leistung der Mitarbeiter aus. Ein erster Eindruck dessen, was die Technik am Firmensitz der DEOS AG, eines der nach Unternehmensangaben „energieeffizientesten Gebäude Europas“, leisten kann.

70 Mitarbeiter arbeiten in dem 2500 Quadratmeter großen Büro- und Schulungszentrum, das im August 2014 eröffnet wurde. Kälte, Wärme, Strom und Licht – all dies regelt das Haus weitgehend selbstständig. Die Technik dahinter kann jeder Besucher im gläsernen Haustechnikraum betrachten. Direkt neben dem Haupteingang stehen die Kältegeräte und die Pelletheizung hinter Glas, Lüftungsrohre laufen dort entlang –  nichts davon ist eine Sonderanfertigung. Aber die handelsübliche Technik ist intelligent vernetzt. Denn neben Sicherheit und Komfort geht es bei der Gebäudeautomation um das intelligente Energiemanagement. Der Technikeinsatz soll Kosten sparen und die Umwelt schonen. „Bei der Energiewende ist die Gebäudeautomation eine Schlüsseltechnologie“, sagt Stefan Plüth.

Gebäudetechnik hat in seiner Familie schon eine lange Tradition. Klaus Plüth gründete die Firma 1967 als Handelsunternehmen im Bereich Heizungsausrüstung. 2002 wurde es in DEOS AG umbenannt und als Innovations- und Technologieunternehmen der Gebäudeautomation neu aufgestellt. 2003 übernahm Stefan Plüth die Leitung. „Die Energieverbräuche zu steuern, ist heute unsere primäre Aufgabe“, sagt Plüth.

An einem Tablet neben der Tür demonstriert er, wie ein intelligentes Lüftungssystem funktioniert. Die Geräte hängen in der Firmenzentrale in jedem Raum. Eine Grafik zeigt den Ist-Zustand an: die Temperatur im Raum, die relative Luftfeuchte, den CO2-Gehalt in ppm (= parts per million) und das Luftvolumen, das stündlich aus der Wand rauscht. Über die Decke wird die Luft wieder abgesaugt.

Mindestens 25 Kubikmeter Frischluft pro Stunde und Person im Raum sollen es sein, damit der CO2-Gehalt unter 1000 ppm bleibt und die von den Menschen im Raum abgegebenen Stoffe, die Müdigkeit und Befindlichkeitsstörungen verursachen können, abgeführt werden. „Wir fahren aktuell Versuche im Haus und peilen 500 ppm im Raum an. Das ist aber heute fast unmöglich aufgrund des Klimawandels. Da haben wir schon draußen in der Luft um 500 ppm“, erläutert der DEOS-Geschäftsführer.

Die intelligente Gebäudetechnik, die in Rheine entwickelt und produziert wird, steckt unter anderem im Tower des Frankfurter Flughafens, im Roten Rathaus in Berlin und im Rock-und-Pop-Museum in Gronau. Bedingt durch den Klimawandel und die hohen Energiepreise werden immer mehr Gebäude automatisiert, nicht nur Neubauten.

Für Stefan Plüth, dessen Unternehmen fast ausschließlich größere Liegenschaften ausrüstet, ist dieser Schritt nur logisch. Schließlich sei die Haustechnik inzwischen reichlich komplex, da hielten sich die Zusatzkosten für die Automatisierung in Grenzen. „Für größere Gebäude gibt es immer mindestens einen Elektroplaner und einen Planer für Heizung und Sanitär. In dem Moment ist dann die Mess-, Steuer- und Regelungstechnik nicht mehr deutlich teurer. Denn die heutigen Anlagen laufen nicht mehr ohne“, sagt Plüth. So könne man erhebliche Mengen Energie einsparen.

Zum Beispiel, indem Räume nur dann geheizt oder gekühlt werden, wenn sie benutzt werden. „Es sind immer mindestens 30 Prozent, die eingespart werden können – und es geht hoch bis über 70 Prozent“, berichtet Plüth.

Gebäudeautomation ist heute vor allem Vernetzung. Das sogenannte Bussystem lässt sich an fast jede Schnittstelle anbinden. Bei der DEOS AG kennt die Haustechnik zum Beispiel alle Terminkalender. Wenn ein Mitarbeiter zwei Wochen im Urlaub ist, wird die Energieversorgung an dessen Arbeitsplatz automatisch auf ein Minimum heruntergefahren. In vielen Gebäuden ist dies noch anders. Jahrzehntelang wurde Haustechnik überdimensioniert geplant. „Vieles ist dort noch heute für Extremfälle ausgelegt, zum Beispiel Heizungen für Temperaturen bis minus 30 Grad“, sagt Plüth. „Dies ist so, als wenn man mit einem Auto mit 1000 PS herumfährt.“ Mit der Gebäudeautomation wird diese Leistung intelligent gedrosselt. Ohne dass der Fahrer davon etwas merkt.   

 

Engelbert Hagemeyer

Quelle: Die Wirtschaft, Ausgabe 2/2015